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Warum Beschäftigung mit
der EU? |
Im Rahmen dieses ersten Grundkurses des
Themenkomplexes zur Europäischen Union (EU) wollen wir uns zunächst einmal die
Zeit nehmen, um uns einige grundlegende Gedanken zu dem Gegenstand, mit dem wir
uns beschäftigen wollen, eben dem politischen System der EU, zu machen. Warum
eigentlich Beschäftigung mit der EU, was macht sie interessant und wichtig?
Welche besonderen Anforderungen stellen sich bei der Auseinandersetzung mit
diesem ganz eigentümlichen Gebilde, das weder so recht in die
politikwissenschaftliche Disziplin Vergleichende Systemforschung noch in die
Disziplin Internationale Beziehungen passt, weil es gleichermaßen Merkmale
eines nationalen politischen Systems als auch internationaler Politik aufweist.
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Außerordentliche
praktische Bedeutung |
Ein erster Punkt, der die EU so interessant
macht, ist ihre außerordentliche praktische Bedeutung; die Tatsache, dass
sie nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern auch den Alltag
zumindest in den Mitgliedstaaten in immer mehr Bereichen und immer
nachhaltiger prägt. Beispielhaft für diesen Einfluss steht die
Einführung des Euro-Bargeldes als Zahlungsmittel zum 1.1.2002! Das geht
mittlerweile so weit, dass ein Verständnis des politischen Systems eines
Mitgliedstaates ohne Kenntnis der EU einfach nicht mehr möglich ist.
Wichtige Entscheidungen werden sehr weitgehend nicht mehr allein in den
Hauptstädten der Mitgliedstaaten, sondern in Brüssel gefällt.
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Wichtiger internationaler
Akteur |
Dann ist die EU ein wichtiger Akteur in der
internationalen Politik, zum Beispiel bei den Verhandlungen im Rahmen der
WTO (World Trade Organisation,
www.wto.org).
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Beispiel für gelungene
Konfliktregelung |
Drittens verdient sie natürlich größtes
Interesse als gelungenes Experiment friedlicher Konfliktregelung, ein
Aspekt, der gerade bei der jüngeren Generation etwas aus dem Blick geraten
ist. Hier ist deswegen daran zu erinnern, dass die Staaten, die heute in
einmalig intensiver Weise miteinander zusammenarbeiten, gemeinsame
Institutionen geschaffen haben und jetzt eine gemeinsame Währung besitzen,
vor 60 Jahren noch erbitterte Kriegsgegner waren! Das heißt auch, dass uns
eine Beschäftigung mit diesem Prozess des Übergangs vom Krieg zur
Zusammenarbeit möglicherweise Einsichten in die Voraussetzungen für
friedliche Kooperation vermitteln kann.
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Völlig neuartiger
Gegenstand |
Erwähnenswert ist aber auch, dass sie
für die Politikwissenschaft einen besonders reizvollen und spannenden
Untersuchungsgegenstand darstellt. Sie ist an der Nahtstelle der
Teildisziplinen Systemforschung und Internationale Politik angesiedelt und
lässt wie im Brennspiegel erkennen, dass sich die Grenzen zwischen den
beiden zunehmend aufzulösen beginnen.
Die raschen Veränderungen des
verfassungsrechtlichen Rahmens und des Mitgliederbestandes verbinden sich
mit einer Fülle von hochinteressanten theoretischen Fragen, zum Beispiel:
Was sind die Triebkräfte dieser Veränderungen?; in welche Richtung führen
sie?; wie lassen sich diese Prozesse analytisch und konzeptionell fassen?
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Schwierigkeiten und
Anforderungen bei einer Beschäftigung mit der EU
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EU als neuartige
Institution |
Damit kommen wir
zur Frage, welche besonderen Anforderungen sich bei einer Beschäftigung
mit der EU stellen. Was macht die Auseinandersetzung mit ihr so
schwierig? Lassen Sie mich dazu anhand von drei Schaubildern auf einige
wichtige Punkte hinweisen.

Zunächst einmal haben wir es mit völlig neuartigen, weder vom
Nationalstaat her noch aus der internationalen Politik bekannten Institutionen
zu tun, die in einer Weise zusammenarbeiten, die ebenfalls ohne Vorbild ist und
die zudem ständigen Veränderungen unterworfen ist. Allein sich hier einen
Überblick zu verschaffen, ist schon außerordentlich aufwendig.
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Die EU als
Mehrebenensystem |
Damit aber nicht genug. Das nächste Schaubild
lässt erkennen, dass es sich bei der EU keineswegs nur um ein paar neue, vom
Nationalstaat her unbekannte Institutionen handelt, sondern um ein
Mehrebenensystem mit drei Ebenen:

 | Der supranationalen Ebene mit den neu
geschaffenen Organen; |
 | der Ebene der Mitgliedstaaten, auf der nicht
nur die Regierungen wichtige Mitspieler sind, sondern auch Parlamente, Verbände, Parteien und schließlich
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 | der Ebene der Regionen. |
Erst all diese zusammengenommen machen die EU
aus, bestimmen ihre Politik und den Fortgang ihrer Entwicklung. Denken Sie an
die parlamentarischen Diskussionen zur Europapolitik, die in Ländern wie
Großbritannien oder Dänemark eine zentrale Rolle spielen. Oder denken Sie an
die Regional- und zum Teil auch Agrarpolitik, die ohne Mitwirkung regionaler
Einheiten überhaupt nicht durchzuführen wären.
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Die drei Säulen der EU |
Damit aber immer noch nicht genug, wie das
nächste Schaubild zeigt. Das komplexe Mehrebenensystem, das wir gerade
betrachtet haben, spielt nämlich in insgesamt drei Bereichen oder Säulen in
unterschiedlicher Weise zusammen.

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Erste Säule: EG |
Die wichtigste und
umfangreichste Säule stellt nach wie vor die Europäische Gemeinschaft
dar, deren Befugnisse außerdem im Maastrichter, Amsterdamer und Nizzaer Vertrag erheblich erweitert wurden. Eine bemerkenswerte
Entwicklung, über die wir noch ausführlich zu sprechen haben werden.
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Zweite Säule: GASP |
Die zweite Säule, die
Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) stellt die seit Anfang
der 70er Jahre außerhalb der EG praktizierte zwischenstaatliche
außenpolitische Zusammenarbeit auf eine vertragliche Basis — allerdings
eine weitgehend intergouvernementale Basis außerhalb des EG-Vertrags.
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Dritte Säule: ZJIP |
Die dritte Säule schließlich bildet die ebenfalls
außerhalb des EG-Vertrags vereinbarte Zusammenarbeit der EU-Mitgliedstaaten im
Bereich der Justiz- und Innenpolitik. Durch die gemeinsamen Institutionen (Rat,
Kommission, Europäisches Parlament, Europäischer Gerichtshof) und einen
übergreifenden Zielkatalog sind diese verschiedenen Teile des Unionsgebäudes
zumindest teilweise verzahnt. Allerdings unterscheiden sich Entscheidungsmodi,
Entscheidungsabläufe und das Gewicht der einzelnen beteiligten Institutionen
und Akteure gravierend.
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Zum Ertrag einer
Beschäftigung mit der EU
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Verständnis von Politik zu Beginn des 21.
Jahrhunderts |
Nach diesem kurzen und hoffentlich nicht
abschreckenden Überblick über die besonderen Anforderungen, die eine
Beschäftigung mit der EU stellt, drängt sich natürlich die Frage
auf, was es eigentlich bringt, sich dieser beträchtlichen intellektuellen
Herausforderung zu stellen, und mit welchem Ertrag man rechnen kann. Zum ersten werden Sie
mit einer Organisation vertraut gemacht, die bereits heute unser tägliches Leben maßgeblich mitbestimmt und ohne deren Kenntnis Sie
Politik, auch und gerade die Politik innerhalb der Grenzen Ihres
Nationalstaats, im Grunde gar nicht mehr richtig verstehen und
beurteilen können.
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Kennen lernen von Regieren jenseits des Nationalstaats |
Ein ganz
zentraler Aspekt ist, dass Sie Politik in ihrer institutionellen, prozessualen
und inhaltlichen Dimension kennen lernen, wie sie uns heute mehr und mehr
begegnet, nämlich ohne klare Trennung zwischen Innen- und Außenpolitik. Politik
zeichnet sich stattdessen durch eine enge Verflechtung
zwischen verschiedenen Ebenen und ein enormes Maß an Komplexität aus.
Sie lernen das neue Phänomen des "Regierens jenseits des
Nationalstaats" kennen, mit dem sich die Politikwissenschaft noch erkennbar
schwer tut. Diese Schwierigkeiten resultieren unter anderem daraus, dass die traditionelle Trennung zwischen
den Disziplinen Vergleichende Systemforschung auf der einen, Internationale
Beziehungen auf der anderen Seite in Frage gestellt wird.
Dabei handelt es sich natürlich nicht um ein
Phänomen, das auf die EU beschränkt wäre. Auch in anderen funktionalen oder
regionalen Teilbereichen ist im Bereich der internationalen Politik eine
zunehmende Verregelung zu beobachten, und die Vergleichende Systemforschung
sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass der Nationalstaat immer weniger
als das unbestrittene politische Entscheidungszentrum angesehen werden kann, das
allein autoritative Wertzuweisungen vornimmt. Eine Auseinandersetzung mit der EU
führt Sie so gesehen über diesen Gegenstand hinaus an eine aktuelle
Grundproblematik der Politik(wissenschaft) in einer sich dramatisch
verändernden Umwelt heran. |