Wenn von Politik und
politischen Systemen die Rede ist, haben viele von uns ein bestimmtes Modell
im Kopf, das wir Ihnen hier in Erinnerung rufen möchten. Seine Grundlage
bildet der nach außen hin abgeschlossene Nationalstaat, in dem bestimmte
Institutionen und Mechanismen vorhanden sind. Wir Politikwissenschaftler
nennen das "politisches System". Dieses politische System erlässt für alle
verbindliche Gesetze, die das Zusammenleben in einer Gesellschaft regeln. Das
nachstehende Schaubild zeigt Ihnen diesen Zusammenhang in stark vereinfachter
Form.
Schaubild 1: Die verbindliche Setzung von Regeln in einem Nationalstaat

Der hier dargestellte Mechanismus findet sich in allen Typen von Systemen, in
autoritären wie demokratischen. Demokratische Systeme zeichnen sich darüber
hinaus dadurch aus, dass Bürgerinnen und Bürger an diesem Prozess teilhaben.
Sie wählen Abgeordnete in das Parlament, können sich politischen Parteien
und/oder Interessengruppen anschließen, und außerdem bieten freie Medien die
Möglichkeit, Regierung und Parlament ein Feedback zu den von Ihnen
verabschiedeten Gesetzen zukommen zu lassen.
Schließlich gilt es zu bedenken, dass ein Nationalstaat nicht nur Bürger,
Parteien, Interessengruppen und Medien umfasst, sondern zahlreiche weitere -
wie wir Politikwissenschaftler es nennen - Subsysteme, wie beispielsweise die
Wirtschaft, und darüber hinaus noch rund 200 andere Staaten existieren, er
also in eine internationale Umwelt eingebettet ist. Berücksichtigt man all
diese Zusammenhänge, ergibt sich folgendes Schaubild.
Schaubild 2: Demokratische Nationalstaaten und ihre internationale Umwelt

Das ist das - häufig unbewusste - Modell, das die meisten von uns, Bürgerinnen
und Bürger, Journalisten und Politiker, auch im Kopf haben, wenn es um die EU
geht. Aber ist dieses Modell noch zutreffend? Dieses Frage wollen wir uns im
nächsten Abschnitt zuwenden.