Am 23. Juli 1952
trat der Vertrag von Paris, mit dem die Europäische Gemeinschaft für Kohle und
Stahl (EGKS) gegründet wurde, in Kraft. Ein Vertrag zwischen sechs
Nationalstaaten (den Benelux-Ländern, der Bundesrepublik Deutschland,
Frankreich und Italien), mit dem ein gemeinsamer Markt für Kohle und Stahl
eingerichtet wurde (weitere
Informationen dazu finden sich in Grundkurs 3, Etappe 1). Handelte es sich
dabei nur um eine weitere internationale Organisation als Rahmen für die
Zusammenarbeit von Nationalstaaten in einem besonderen Bereich?
Keinesfalls, die EGKS war vielmehr etwas Neuartiges. Nicht nur deswegen, weil
damit ein gemeinsamer Markt, also viel mehr als eine Freihandelszone, in einem
zur damaligen Zeit immens wichtigem Sektor geschaffen wurde, sondern auch und
vor allem deswegen, weil die teilnehmenden Staaten damit auf diesem Gebiet
einen beträchtlichen Teil ihrer Souveränität an neu geschaffene
supranationale Institutionen
abtraten. Das nachstehende Schaubild, das auf unser bislang verwendetes Modell
zurückgreift, lässt das besonders deutlich erkennen.
Schaubild 3: Die EGKS als supranationale Organisation

Dem Schaubild lässt sich entnehmen, dass mit der Gründung der EGKS die
politischen Systeme der beteiligten Nationalstaaten ihr bislang exklusives
Recht, direkt bindende Regelungen für die auf ihrem Territorium lebenden
Bürgerinnen und Bürger zu erlassen, verloren haben - zunächst allerdings nur
für einen Bereich: Kohle und Stahl. Diese Konstruktion unterscheidet sich ganz
grundsätzlich von dem sehr begrenzten Einfluss internationaler Organisationen,
wie etwa dem auf der rechten Seite abgebildeten Europarat.
Obwohl auch dieser über institutionelle Vorkehrungen verfügt, die die
Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten erleichtern sollen (Committee of Ministers,
Parliamentary Assembly etc.), besitzt er keinerlei Befugnisse, Entscheidungen
zu treffen, die die beteiligten Nationalstaaten oder gar deren Bürgerinnen und
Bürger direkt binden würden. Deswegen bezeichnen wir die EGKS als
supranationale, den Europarat
als internationale
Organisation.
Während diese besondere Situation zunächst auf einen Bereich beschränkt blieb,
veränderte sich dies in den folgenden Jahrzehnten fundamental, so dass unsere
Abbildung heute wie folgt aussieht:
Schaubild 4: Die EU heute

Damit ergeben sich eine Fülle von theoretisch-analytischen wie praktischen
Problemen und Fragen. Lassen Sie uns mit der ersten,
theoretisch-analytischen Dimension
beginnen. Zunächst einmal dürfte auf den ersten Blick klar sein, dass die
Analyse von Politikprozessen oder Politik in einem der Mitgliedstaaten, ohne
nicht auch die EU einzubeziehen, fast nicht mehr sinnvoll möglich ist. Viele
Zusammenhänge würden schlicht unverständlich bleiben und uns zu falschen
Schlussfolgerungen führen, beispielsweise was die Handlungsspielräume von
Regierungen betrifft.
Das Gleiche gilt aber auch umgekehrt. Sich nur auf "Brüssel", also die
EU-Institutionen zu konzentrieren, um die Merkmale von Entscheidungsprozessen
oder Politikergebnissen zu untersuchen, würde vernachlässigen, dass zumindest
einige dieser Institutionen, wie insbesondere der Ministerrat und der
Europäische Rat, aus Vertretern der Mitgliedstaaten zusammengesetzt sind,
deren Handeln außerordentlich stark durch die Einbindung in ihren jeweiligen
nationalen Rahmen bestimmt ist, und es würde außer Acht lassen, dass
EU-Entscheidungen durch die Mitgliedstaaten durchgeführt werden.
Was die praktische Dimension
angeht, so ist festzuhalten, dass, obwohl sich fundamentale Veränderungen in
der Art, wie politische Entscheidungen getroffen werden, vollzogen haben,
häufig immer noch unbewusst das ursprüngliche, in Schaubild 2 dargestellte
Modell zugrundegelegt wird, wenn es um den Umgang mit und die Beurteilung von
Politik geht.
Erinnern Sie sich an den letzten Wahlkampf in Ihrem Land? Haben Sie da jemals
von den Medien - von den politischen Akteuren ganz zu schweigen - einen
Hinweis darauf gehört, dass ihre Handlungsspielräume stark beschränkt sind und
dass zentrale politische Entscheidungen nur noch zusammen mit den anderen
Mitgliedstaaten im Rahmen der EU getroffen werden können? Ganz im Gegenteil!
Dort hören Sie - ganz wie in den guten alten Zeiten des souveränen
Nationalstaats - vor allem, was die verschiedenen politischen Parteien alles
bewegen, anders und besser machen können.
Insofern sollte es nicht überraschen, dass die Bürgerinnen und Bürger sie beim
Wort nehmen und dann zunehmend enttäuscht und ärgerlich reagieren, wenn sich
das als falsch herausstellt. Schuld sind dann allerdings im Regelfall nicht
die nationalen Politiker, sondern der beliebte Sündenbock EU, der sich
ungefragt in alles einmischt.
Wie aber ließe sich das ändern? Nach unserer Überzeugung nur, indem wir ein
anderes Modell bereitstellen, das die neuen Zusammenhänge, das die EU als
neuartiges Gebilde zwischen Nationalstaat und internationaler Politik für die
Menschen begreifbar macht. Und um dieses Modell soll es im nächsten Abschnitt
gehen.