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Die nationale
Ebene
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EU als Mehrebenensystem |
Wenn vom
Institutionengefüge der EU die Rede ist, dann beschränkt
sich das in den allermeisten Fällen darauf, die
EU-Organe, ihre Zusammensetzung und Aufgaben sowie die
Aufgabenverteilung zwischen Ihnen anzusehen. Dass und
warum diese Betrachtungsweise viel zu kurz greift und
einen völlig falschen Eindruck von der Union ergibt,
veranschaulicht das folgende Schaubild.

Das Schaubild zeigt, dass einerseits Akteure der nationalen und
subnationalen Ebene auf EU-Ebene vertreten
sind und an den Entscheidungen mitwirken - die
nationalen Regierungen etwa im Rat der EU und im
Europäischen Rat, die subnationalen Regierungen im Ausschuss der Regionen, die
Verbände im Wirtschafts- und Sozialausschuss, außerdem wählen die Bevölkerungen der Mitgliedstaaten
die Abgeordneten des Europäischen Parlaments.
Auf der
anderen Seite ist erkennbar, dass die Entscheidungen der
EU, ihre "Gesetze", direkt und verbindlich - wie
nationale Gesetze - in den Mitgliedstaaten gelten und
das in quantitativ und qualitativ immer bedeutenderem
Umfang. Denken Sie nur daran, dass in den Ländern der
Euro-Zone die Regierungen der Mitgliedstaaten selbst in
der für die nationale Souveränität so bedeutsamen
Währungspolitik ihre Befugnisse abgegeben haben! Für die
Umsetzung dieser Gesetze ist aber nicht die
EU-Verwaltung, sondern die lokalen, regionalen und
nationalen Verwaltungen zuständig.
Mit
anderen Worten: Die drei Ebenen sind so eng miteinander
verflochten, dass sie auch zwingend gemeinsam und in
ihrem Zusammenspiel betrachtet und analysiert werden
müssen. Aus diesem Grund ist in der wissenschaftlichen
Diskussion vom
"EU-Mehrebenensystem" die Rede.
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Probleme der Bestimmung
der nationalen Ebene |
Allerdings ist die Analyse
der nationalen Ebene mit ganz besonderen Schwierigkeiten
verbunden, und zwar erstens deswegen, weil es schwer fällt, präzise zu
definieren, was denn eigentlich die "nationale Ebene" umfasst, welche
Strukturen, Akteure und weitere Bestimmungsfaktoren von Unionspolitik der
Mitgliedstaaten hier einbezogen werden müssen. Wir wollen
und müssen ja schließlich nicht jeweils das gesamte
politische System jedes einzelnen der 25 Mitgliedstaaten
untersuchen, sondern nur die Elemente, die an
Entscheidungen der EU und an der Durchführung von
Unionspolitik beteiligt sind.
Zweitens deswegen, weil es darüber hinaus ja auch notwendig ist, diese
Faktoren sinnvoll zu systematisieren, damit schließlich drittens auch
die wesentlichen diesbezüglichen Unterschiede zwischen den einzelnen
Ländern erkennbar und erfassbar werden.
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Bestimmungsfaktoren der
EU-Politik der Mitgliedstaaten (nationale Ebene) im Überblick
relativ stabile und
relativ veränderbare Faktoren |
Einen Versuch, dieses Problem
einigermaßen befriedigend zu lösen, zeigt das nachfolgende
Schaubild. Um die
Bestimmungsfaktoren systematisch zu erfassen, wurde zunächst eine Trennung
vorgenommen zwischen relativ stabilen, das heißt kaum oder nur in einer
sehr langfristigen Perspektive veränderbaren Faktoren einerseits und
solchen, die kurzfristiger einem Wandel unterworfen sind, andererseits.
Der analytische Sinn einer derartigen Einteilung leuchtet meines Erachtens ohne
weiteres ein. Wozu jedoch das zweite Einteilungskriterium, länder- und politikbereichsspezifisch?

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politikbereichs-und länderspezifische Faktoren |
Denken Sie erstens an
unsere Erkenntnisse zur supranationalen Ebene, wo wir ja festgestellt
haben, dass ein hohes Maß an funktionaler Differenzierung vorhanden ist,
also die Politikfelddimension in der EG enorme Bedeutung besitzt. Denken
Sie zweitens an die beträchtlichen Unterschiede, die sich in einzelnen
Mitgliedstaaten zwischen verschiedenen Bereichen beobachten lassen. So
können etwa die Akteursbeziehungen in der Agrarpolitik völlig anders
aussehen als in der Umweltpolitik. Außerdem finden Sie bei der
Agrarpolitik in der Regel eine ganz andere "Ideologie" vor, wenn —
ungeachtet einer ansonsten insgesamt marktwirtschaftlich ausgerichteten
Politik — massive Interventionen des Staates akzeptiert und praktiziert
werden.
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analytischer Hintergrund der Einteilung |
Was bedeutet das übertragen auf
die Union? Es heißt, dass selbst wenn länderspezifische Faktoren sich
sehr stark unterscheiden, doch in einzelnen Feldern ein höheres Maß an
Übereinstimmung vorhanden sein kann, das die Kooperation erleichtern oder
überhaupt erst möglich machen kann. Ein Beispiel für ein hohes Maß an
politikfeldspezifischer Übereinstimmung — im Sinne der Akzeptanz für massive
Eingriffe des Staates in die Landwirtschaft — finden Sie etwa in der
Gemeinsamen Agrarpolitik, die nicht zuletzt deswegen schon von Beginn an in die
Zusammenarbeit einbezogen war und einen stark supranationalen Charakter
aufweist. Ein gutes Beispiel für ein relativ hohes Maß an
politikfeldspezifischen Unterschieden stellt die Sozialpolitik dar; hier hat die
Kooperation erst Ende der 80er Jahre richtig eingesetzt und weist einen nach wie
vor deutlich zwischenstaatlich geprägten Charakter auf.
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relativ stabile länderspezifische Faktoren |
Doch nun zu den angeführten
Determinanten selbst und zwar zunächst zu den relativ stabilen
länderspezifischen Faktoren und hier zunächst zu zwei, die ganz direkt mit der
Union zu tun haben, nämlich dem Entscheidungssystem und den
Grundeinstellungen zur Union. Was das EG-Entscheidungssystem in den
Mitgliedstaaten angeht, so sind vor allem drei Dimensionen von Bedeutung,
in Bezug auf die erhebliche Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten
bestehen:
 | Die Aufgabenverteilung zwischen
Exekutive und Legislative. Hier ist etwa für Frankreich eine sehr
schwache, für Dänemark eine enorm starke Einflussnahme des Parlaments
festzustellen. Eine starke Einflussnahme, die natürlich vor dem
Hintergrund der eher EG-skeptisch eingestellten dänischen Bevölkerung
und vor allem dann, wenn einstimmig entschieden werden muss,
weitreichende Auswirkungen für die Politik und Entwicklung der EU
insgesamt haben kann. |
 | Das Ausmaß an Koordinierung von
EG-Politik. Hier stellte lange Zeit Frankreich mit seiner sehr
straffen, zentralisierten Abstimmung aller EG-politischen Aktivitäten
das eine, Deutschland mit einem hohen Maß an Autonomie der einzelnen
Ministerien sowie zusätzlicher Fragmentierung durch die
bundesstaatliche Ordnung das andere Extrem dar. In den letzten Jahren
ist allerdings ein allgemeiner Trend weg von übergreifender
Koordinierung hin zu immer mehr Selbständigkeit der Akteure in den
einzelnen Politikbereichen zu beobachten, verliert EU-Politik in den
Mitgliedstaaten immer mehr den Charakter von "Außenpolitik". |
 | Das Verhältnis von nationaler
und subnationaler Ebene. Wie wichtig dieser Aspekt ist, zeigt beispielhaft
die Situation in Deutschland mit seiner bundesstaatlichen Ordnung, in deren
Rahmen die Bundesländer seit dem Maastrichter Vertrag und der damit
verbundenen Einfügung des neuen Artikels 23 in das deutsche Grundgesetz
EG-Politik stark beeinflussen können. Auch hier zeigt sich ein
fundamentaler Unterschied zu normaler Außenpolitik.
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unterschiedliche
Grundeinstellungen zur EU |
Wie unterschiedlich die Grundeinstellungen,
das heißt die Vorstellungen zur institutionellen Ausgestaltung der
Zusammenarbeit in der EG auf einem Kontinuum zwischen ausgeprägter
Supranationalität und Zwischenstaatlichkeit, sein können, zeigt beispielhaft
ein Vergleich zwischen Großbritannien und Dänemark auf der einen, Deutschland
und Italien auf der anderen Seite. Diese Unterschiede spielen natürlich ganz
besonders bei grundsätzlichen Fragen und Vertragsrevisionen eine wichtige
Rolle und haben, wie in
Grundkurs 3 ausgeführt, seit der Osterweiterung um 10 weitere
Mitgliedstaaten noch einmal erheblich zugenommen.
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weitere relativ stabile
länderspezifische Faktoren |
So weit zu einigen der zentralen
relativ stabilen länderspezifischen Faktoren. Auf die allgemeinen
Systemcharakteristika der Mitgliedstaaten will ich nicht näher eingehen.
Dazu zählen unter anderem die verfassungsrechtlichen Vorgaben, die Strukturen
und der institutionelle Rahmen, die politische Kultur sowie ordnungspolitische
Orientierungen. Von Bedeutung sind weiterhin die diesbezüglichen Unterschiede
zwischen den Mitgliedstaaten und die damit verbundenen Auswirkungen. Wichtig ist
in diesem Zusammenhang insbesondere die Feststellung, dass sich die zum Teil
gravierenden Unterschiede, etwa in ordnungspolitischen Fragen, im Verlauf der
Zusammenarbeit verringert haben, dass es zu einer Annäherung gekommen ist, die
ein Projekt wie die Währungsunion überhaupt erst möglich gemacht hat.
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relativ stabile
bereichsspezifische Faktoren |
Auch bei den relativ stabilen
bereichsspezifischen Faktoren möchte ich mich kurz fassen. Die
Vergleichende Systemforschung hat sich in den letzten Jahren intensiv mit den
Beziehungen zwischen Akteuren in einzelnen Politikfeldern, den Policy-Netzwerken, beschäftigt und festgestellt, dass diese die
Politikproduktion in ihrem Bereich — und das heißt auch die EG-bezogene
Politik — ganz wesentlich beeinflussen. Das ist etwa in einer Studie zur
EG-Umweltpolitik eindrucksvoll nachgewiesen worden. Ob und inwieweit es zu
EG-Politik in einem Politikfeld kommt und wie diese konkret aussieht, hängt
somit ganz wesentlich von der Kompatibilität der Policy-Netzwerke in den
Mitgliedstaaten ab.
Bereichsspezifische Ideologien
— also grundsätzliche Vorstellungen dazu, wie Politik in einem Bereich
aussehen soll — sind insofern von Bedeutung, als ihre Übereinstimmung im
Vergleich der Mitgliedstaaten Anknüpfungspunkte für eine Kooperation schaffen
und diese trotz gravierender Unterschiede in den länderspezifischen Faktoren,
beispielsweise bei den Grundeinstellungen zur EG, ermöglichen kann. Beispiele
wären die Agrarpolitik, aber auch das
Binnenmarktprojekt, bei dem Großbritannien trotz der unerwünschten, damit
verbundenen Aufhebung der Einstimmigkeit bereit war mitzumachen, weil sich die
Ideologie des Projekts — freie Marktwirtschaft und Wettbewerb im allgemeinen,
Deregulierung im besonderen — mit den britischen Vorstellungen deckten.
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relativ veränderbare
Faktoren |
Damit kommen wir abschließend
noch zu den relativ veränderbaren Faktoren. Sie bedürfen kaum der näheren
Erläuterung. Dass Regierungen unterschiedliche Vorstellungen zur
Europapolitik haben können, dass sie auf aktuelle Stimmungen und
Meinungen, die ökonomische Situation und Problemdruck reagieren und dies
auch über die Verzahnung zwischen den Ebenen und die Entscheidungsmodi EG-Politik beeinflusst, haben
beispielsweise die Regierungswechsel in Großbritannien, Frankreich oder
Deutschland in der zweiten Hälfte der 90er Jahre sehr eindringlich
belegt. |
[Autor: Prof. Dr. Wolfgang
Schumann]
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