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Nachhaltigkeit

"Können wir uns darauf verlassen, dass eine Wende von ausreichend vielen Menschen ausreichend schnell gelingt, um die moderne Welt zu retten? Diese Frage wird oft gestellt, doch wie auch immer die Antwort ausfällt, sie wird irreführend sein. 'Ja' als Antwort würde zu Selbstgefälligkeit führen, 'Nein' als Antwort zur Verzweiflung. Es ist erstrebenswert, diese Verwirrungen hinter sich zu lassen und sich an die Arbeit zu machen."

[Fritz Schumacher, Öko-Philosoph und Vorreiter der Ökologiebewegung, Autor des 1975 erschienenen Buchs "Small is Beautiful"]

Überblick über die Grundkurs-Sequenzen


Grundkurs 1: Was heißt Nachhaltigkeit?

Grundkurs 2: Wie handle ich nachhaltig?

Grundkurs 3: Wie funktioniert eine Lokale Agenda 21?

Grundkurs 4: Wie kann man das Klima schützen?

Grundkurs 5: Welche Probleme gibt es auf dem Weg zur nachhaltigen Entwicklung?


Grundkurs 1: Was heißt Nachhaltigkeit?

Raumschiff Erde

"Stellen wir uns die Erde als ein riesiges Raumschiff vor. Mit Menschen an Bord rast es durch das Weltall. Die Verbindungen zum Heimatplaneten sind abgebrochen. Es gibt keine Rückkehr mehr. Die Passagiere müssen mit den vorhandenen Vorräten an Nahrung, Wasser, Sauerstoff und Energie auskommen.

Während die Zahl der Menschen an Bord steigt, verringern sich die Vorräte. Gleichzeitig steigen Abfall- und Schadstoffmengen an. Das Leben wird immer schwieriger, die Luft zum Atmen immer knapper.

Einige Bewohner des Raumschiffes geraten in Panik. Sie prophezeien einen baldigen Tod durch Ersticken, Verdursten, Verhungern oder Erfrieren. Andere beuten die zu Ende gehenden Vorräte aus, schlagen Warnungen in den Wind, maßvoller damit umzugehen. Sie vertrauen darauf, dass jemandem noch in letzter Minute etwas zur gemeinsamen Rettung einfallen werde."

[aus: Hans-Georg Herrnleben/Jochen Henrich, Thema im Unterricht 7/1997: Umweltfragen, Bundeszentrale für politische Bildung Bonn]
 

"Um den ... Text vom 'Raumschiff Erde' zu lesen, haben Sie etwa eine Minute gebraucht. (...) In einer Minute ...
 

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... beträgt der Kohlendioxid-Ausstoss über 38.000 Tonnen.

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... zerstören die Menschen 3,5 Quadratkilometer Wald.

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... produzieren wir alle über 15.000 Tonnen Müll.

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... belasten zusätzlich über 90 neue Autos unsere Umwelt.

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... werden rund 60.000 Tonnen Erde abgeschwemmt oder abgetragen.

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... nimmt die Erdbevölkerung um 165 Menschen zu.

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... geht fast ein Quadratkilometer Naturfläche durch Bebauung oder Versiegelung verloren.

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... sterben ca. 40 Menschen an Hunger."

[aus: Hans-Georg Herrnleben/Jochen Henrich, Thema im Unterricht 7/1997: Umweltfragen, Bundeszentrale für politische Bildung Bonn]

Der Leitbegriff "nachhaltige Entwicklung" (sustainable development)

Nimmt man Nachhaltigkeit ernst, resultieren daraus drastische Änderungserfordernisse in praktisch allen Lebensbereichen. Nicht nur Konsumgewohnheiten müssen geändert werden, was sicherlich schwer genug ist, sondern es geht darüber hinaus um einen grundlegenden Bewusstseinswandel, der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik nachdrücklich verändern wird, wie der folgende Text skizziert:

"Seit der Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro im Sommer 1992 ist der Begriff „Sustainable Development“ ... weltweit zu einem umweltpolitischen Leitbegriff geworden. (…) Darin kann für die Umweltpolitik durchaus ein Hoffnungszeichen gesehen werden, denn die integrierende Betrachtung ökologischer, ökonomischer und sozialer Probleme macht den übergreifenden Zusammenhang deutlich, in den die Umweltprobleme gestellt werden müssen, wenn sie sachgemäß und sozial akzeptabel gelöst werden sollen. (…) Notwendig werden gravierende Veränderungsanforderungen an den ökonomischen, den sozialen und politischen Bereich.

Im ökonomischen Bereich müssen neue Formen des Wirtschaftens eingeführt werden, die den Faktor Natur als weiteren Produktionsfaktor zum Beispiel auch bei der Preiskalkulation berücksichtigen. Dabei stellt sich nicht nur die Frage, wie dies im Einzelfall gewährleistet werden kann - durch politisch-administrative Steuerung und/oder Selbstverpflichtungen der Wirtschaft -, sondern es wird auch darüber gestritten werden, wie groß die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft in einem dezentral operierenden Weltmarkt ist, wenn die Schritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung nicht international aufeinander abgestimmt werden und wohl auch nicht abgestimmt werden können.

Im sozialen Bereich stellen sich völlig neue Anforderungen an das Prinzip und die Praxis der Verteilungsgerechtigkeit - und zwar in dreifacher Hinsicht: Angesichts der Tatsache, dass das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung aus der entwicklungspolitischen Diskussion stammt, ist erstens die Verteilung von Entwicklungschancen im Rahmen der Nord-Süd-Problematik betroffen. Zweitens geht es um die innergesellschaftliche Sozialverträglichkeit einer ökologischen Modernisierung, die nicht nur mit neuen Chancen, sondern auch mit vielen neuen Belastungen daherkommen wird. Wie kann gewährleistet werden, dass dann Lebens-, Arbeits- und auch Konsummöglichkeiten einigermaßen gerecht verteilt sein werden?

Die beiden bisher genannten Problemfelder werden drittens noch erweitert durch das, was "intergenerative Verteilungsgerechtigkeit" genannt wird. Die Interessen künftiger Generationen müssen bei der heute stattfindenden Chancenverteilung mitbedacht werden, d.h., unsere Gesellschaft muss sich an der Tatsache orientieren, dass unsere Gegenwart unwiderruflich die Vergangenheit der Zukunft ist, über deren Chancen daher heute mitentschieden wird.

Die alles entscheidende Frage betrifft die Bereitschaft der Gesellschaft, der Wirtschaft und jedes einzelnen, diese erheblichen Anforderungen an ihr Verhalten, an Produktions-, Konsum- und letztlich Lebensstile anzunehmen und sich darauf auch konkret einzulassen. Das bedeutet, dass die gravierendsten Veränderungsanforderungen sich im politischen Bereich stellen:

Schon die Formulierung der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung droht das bestehende politische System, das auf kurzfristigen Wahlerfolg programmiert und an permanenter Wohlstandsmehrung aus Gründen der Machterhaltung orientiert ist, grundsätzlich zu überfordern. Erst recht bei der Umsetzung solcher Ziele zeigt sich ein erheblicher politischer Veränderungsbedarf, denn neue Wertorientierungen und entsprechende Lebensstile lassen sich weder politisch beschließen noch administrativ verordnen, sie können nur kommunikativ vermittelt werden. In der Diskussion über die Umsetzung des Leitbildes "nachhaltige Entwicklung" herrscht daher Einigkeit darüber, dass eine verbesserte Bürgerbeteiligung ... eine notwendige Voraussetzung für den Erfolg dieser Idee darstellt. (...)

Das heißt, sowohl für die Zielformulierung wie auch für die verbindliche Umsetzung der Ziele bedarf es einer völlig neuen "Dialogkultur". Sie setzt die Bereitschaft der Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft voraus, die Definition der Ziele wie der Umsetzungsschritte in einem offenen Prozess mit engagierten Einzelnen, Gruppen und Verbänden gemeinsam zu erarbeiten. (...)

Eine Politik der Nachhaltigkeit verlangt von jedem einzelnen, Verantwortung über den Tag und über sich selbst hinaus wahrzunehmen, was dann gelingen kann, wenn er zu erkennen vermag, dass die eigenen Interessen unauflöslich eingebunden sind in die Interessen des Gemeinwesens. Daher zwingt die Idee der Nachhaltigkeit zu einem qualitativen Sprung in der Bürgerbeteiligung und letztlich in der Modernisierung der Demokratie.

Es geht nicht mehr nur um Partizipation an politisch oder administrativ initiierten Planungen, Entscheidungen und Maßnahmen, sondern um die selbstbewusste und mitverantwortliche Teilnahme an der "Beratung über gemeinsame Angelegenheiten" (Aristoteles), an der Gestaltungsaufgabe der Politik.

Das bedeutet, dass zivilgesellschaftliche Akteure eine besondere Verantwortung für die politische Durchsetzung einer Politik der Nachhaltigkeit übernehmen müssen, was wiederum strukturelle, institutionelle und finanzielle Konsequenzen nach sich zieht."

[aus: Horst Zilleßen, Von der Umweltpolitik zur Politik der Nachhaltigkeit. Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung als Modernisierungsansatz; in: Aus Politik und Zeitgeschichte 50/1998, S. 3-5 u. 8]

Nachhaltigkeit ist einfach und kompliziert zugleich. Zum einen verstehen wir intuitiv, wovon die Rede ist: "Man darf die Kuh nicht schlachten, von der man morgen wieder Milch haben will," sagt der Volksmund. Zum anderen fällt es uns aber schwer, uns eine wirklich nachhaltige Gesellschaft vorzustellen. Praktisch alles müsste sich ändern, nicht zuletzt wir selbst.

"Viel hängt davon ab, ob es gelingt, den Begriff zu schärfen und die Idee zu entfalten, also ihr ganzes Spektrum und ihr volles Potential ins Spiel zu bringen. Nachhaltigkeit ist weit mehr als ein technokratischer Reißbrettentwurf zur intelligenteren Steuerung des Ressourcen-Managements, mehr als ein Begriff aus der Retorte von Club of Rome, Weltbank und UNO. Schubkraft bekommt die Idee, sobald sie als ein neuer zivilisatorischer Entwurf wahrgenommen wird, als ein neuer Entwurf, der allerdings in unseren Traditionen und in der menschlichen Psyche verwurzelt ist. Tradition und Innovation müssen keine Gegensätze sein. Ein gemeinsamer Vorrat an Werten, Ideen und Träumen ist eine wichtige kulturelle Ressource."

[aus: Ulrich Grober, Die Idee der Nachhaltigkeit als zivilisatorischer Entwurf; in: Aus Politik und Zeitgeschichte 24/2001, S. 3, Online-Version]

 

Die am häufigsten gebrauchte Definition von "nachhaltiger Entwicklung" stammt von Lester Brown, dem Gründer des Worldwatch Institute. Sie wurde in dem Bericht "Our Common Future" der Brundtland-Kommission aufgegriffen:

"Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs."

[World Commission on Environment and Development (WCED), Our Common Future, Oxford 1987, p. 43]

 

Diese Definition von "nachhaltiger Entwicklung" wird zwar allgemein akzeptiert, aber sie sagt nicht viel aus. Der berühmte Wissenschaftler Fritjof Capra schlägt deshalb folgende Operationalisierung vor:

"Der Schlüssel zu einer funktionsfähigen Definition von ökologischer Nachhaltigkeit ist die Einsicht, dass wir nachhaltige menschliche Gemeinschaften nicht von Grund auf erfinden müssen, sondern sie nach dem Vorbild der Ökosysteme der Natur nachbilden können, die ja nachhaltige Gemeinschaften von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen sind.

Wie wir gesehen haben, ist die herausragendste Eigenschaft des Erdhaushalts seine immanente Fähigkeit, Leben zu erhalten. Daher ist eine nachhaltige menschliche Gemeinschaft so beschaffen, dass ihre Lebensweisen ebenso wie ihre unternehmerischen, wirtschaftlichen und physikalischen Strukturen und Technologien die immanente Fähigkeit der Natur, Leben zu erhalten, nicht stören.

Nachhaltige Gemeinschaften entwickeln ihre Lebensmuster im Laufe der Zeit in ständiger Interaktion mit anderen menschlichen und nichtmenschlichen lebenden Systemen. Nachhaltigkeit bedeutet somit nicht, dass die Dinge sich nicht verändern. Sie ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess der Koevolution."

[aus: Fritjof Capra, Verborgene Zusammenhänge. Vernetzt denken und handeln - in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft, Bern u.a. 2002, S. 298]

 

"Die Debatte um nachhaltige, zukunftsfähige Entwicklung zielt ab auf einen gesellschaftlichen Konsens über neue Entwicklungsziele jenseits des auf industrielles Wachstum, Naturvergessenheit und technologische Machbarkeitsphantasien gestützten westlichen Zivilisationsmodells, in dieser Perspektive geht es um die Entwicklung eines innovativen, zukunftstauglichen Leitbilds gesellschaftlicher Entwicklung im Sinne einer regulativen Idee, wie z.B. auch Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit u.ä."

[aus: Thomas Jäger/Michael Schwarz, Das sozial-ökologische Innovationspotential einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Entwicklung auf betrieblicher und kommunaler Ebene; in: Aus Politik und Zeitgeschichte 50/1998, Bonn, S. 23]

 

"Bildung für nachhaltige Entwicklung" stellt "nicht bloß eine Erweiterung der Umweltbildung um soziale oder ökonomische Aspekte dar ..., sondern [sollte] ein starkes Bindeglied zwischen politischer Bildung, globalem Lernen, Umweltbildung oder Gesundheitserziehung sein."

[Willi Linder, Hohe Ansprüche; in: umwelt & bildung 3/2004, S. 3]


"Ziel der ... UN-Dekade ... ist es, die vielen Initiativen von der politischen Bildung bis zur Umweltbildung, vom globalen Lernen bis zur Friedenserziehung in einer Bildung für nachhaltige Entwicklung zusammenzuführen."

[Johannes Tschapka; zitiert nach: ökolog Netzwerkzeitung 3/2004 "Nachhaltigkeit leben (und) lernen"; in: umwelt & bildung 3/2004]





... weiter zu Grundkurs 2: Wie handle ich nachhaltig?

[Autor: Ragnar Müller]

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